Leseprobe STERNENVOLL

Prolog

Was wäre unsere Welt ohne ein kleines bisschen Magie? Nicht im Sinne von Zauberschülern und Hexenbesen, gemeint sind ganz besondere Augenblicke. Die einen nennen sie Schicksal, die anderen bezeichnen sie als Fügung. Aber ganz egal, wie diese Momente zustande kommen, sie bleiben undurchschaubar und einzigartig. Und ist es nicht das, wonach wir eigentlich alle suchen? Etwas Außergewöhnliches? Und genau hier beginnt unsere Geschichte …

Auf dem langen Gang der Geburtsstation herrschte Ruhe. Aber immer wenn die Türen zu den Kreißsälen sich kurz öffneten, erahnte man das Leben, das sich hier Tag für Tag und Nacht für Nacht Bahn brach. Dann drangen Geräusche nach draußen: von Frauen die stöhnten, Hebammen die beruhigten und Babys die weinten. An diesem Abend lagen zwei Frauen in den Wehen. Die eine kämpfte schon seit 16 Stunden mit der Geburt. Sie war am Ende ihrer Kräfte, aber der letzte Akt stand kurz bevor. Die andere wurde von der Schnelligkeit der Ereignisse überrollt. Erst vor 60 Minuten war sie hier mit ihrem Mann eingetroffen. Und nun lag sie im Kreißsaal nebenan, und der Kopf des Babys war schon zu sehen. Tür an Tür brachten die beiden Frauen exakt zur selben Zeit ihre Kinder zur Welt: um 21.04 Uhr, an einem 20. Mai. Das Mädchen und der Junge fingen gleichzeitig an zu weinen.

Die Mütter und Väter waren nur auf ihr eigenes Glück konzentriert. Die Hebammen jedoch lächelten in sich hinein, aufgrund dieses zweistimmigen Chors.

Beide Frauen teilten sich später ein Zimmer auf der Wöchnerinnenstation, und bald teilten sie noch viel mehr als das: Eine tiefe Verbundenheit und Freundschaft, die ihr ganzes Leben lang anhalten sollte. Aber der magische Moment gehörte ihren Kindern. Und deshalb ist das auch deren Geschichte – die Geschichte von Ella und Kilian.

KAPITEL 1
Jahr: 1999
Alter: 16

Ich knallte die Tür zu und warf mich auf mein Bett. Jedes Jahr das Gleiche. Jedes Jahr dieses nervige Sommerfest meiner Eltern. Jedes Jahr mithelfen. Jedes Jahr die gut erzogene Tochter spielen. Jedes Jahr Konversation machen mit den Freunden meiner Erziehungsberechtigten. Es war einfach zum Kotzen. Und das ausgerechnet heute, wo ich mich eigentlich am liebsten verkriechen würde. Wo ich am liebsten überhaupt niemanden sehen würde. Ich ertrug das heute einfach nicht! Und alles nur wegen dieses Idioten. Wegen irgendeines Types. Das war so erniedrigend, weil es mir eigentlich nichts ausmachen sollte. Aber das tat es, das tat es viel zu sehr.

Es war gestern nach dem Sportunterricht gewesen. Ich hatte meinen Kosmetikbeutel vergessen und lief noch einmal zurück. Die Umkleidekabine der Jungs stand halb offen. Ich ging vorbei und hörte meinen Namen. Sofort blieb ich stehen und lauschte dem Gespräch. Zwei Klassenkameraden unterhielten sich über mich. Ich erkannte Christian und Michael an ihren Stimmen. Sie erzählten etwas von meinem netten Vorbau und meinem geilen Arsch. Etwas ordinär, aber so weit, so gut. Das, was allerdings wirklich bei mir hängen blieb, waren diese Sätze von Christian:

„Ich finde, ihre Hüften sind leider zu breit, das zerstört irgendwie das Gesamtbild. Und die Oberschenkel. Naja, sie sollte zu Hause auch öfter mal Sport treiben. Ella, lauf mal ein bisschen schnella …“, beide verfielen in albernes Gelächter, und das kam immer näher. Gerade noch rechtzeitig rettete ich mich in die Mädchenumkleide. Durch den Türspalt sah ich die beiden aus der Umkleide treten und in Richtung Klassenräume verschwinden. Danach war für mich der Tag gelaufen. Selbst meine beste Freundin Jennifer schaffte es nicht, mich aufzuheitern. Jedes ihrer „Gib doch nichts auf ihr Geschwätz“ oder „Das sind doch nur pubertierende Vollidioten“ prallte einfach an mir ab.

Christian war einer der coolen Jungs in unserer Klasse. Und ich war, naja, eben nicht wirklich cool. Zwar auch keine Außenseiterin, aber im Bus saß ich niemals hinten. Es hatte sich für wenige Sekunden wirklich toll angefühlt, als er meine Vorzüge lobte. Der Absturz war dafür umso härter, als er von meinen Schwächen anfing.

Ich hasste die Pubertät wirklich von ganzem Herzen. Vorher war ich immer zufrieden mit meinem Körper gewesen. Ich war schlank. Ich konnte essen was ich wollte. Ich hatte mir um dieses Thema nie Gedanken machen müssen. Aber plötzlich waren mir Brüste gewachsen. Und ich meine jetzt nicht einen schönen B oder C Cup, ich rede von E! Und nein, das war nicht traumhaft, wie viele vielleicht denken würden. BHs und Oberteile zu finden wo ich meine Oberweite hineinquetschen konnte, glich eher einem Alptraum. Und ich hatte ja nicht nur Brüste bekommen, sondern Dehnungsstreifen gleich mit dazu. Und Hüften gab´s auch noch gratis. Runde Hüften. Sehr runde Hüften. Überhaupt war alles plötzlich weich und drall, und meine Oberschenkel explodierten quasi über Nacht. Das war nicht mehr mein Körper. Das fühlte sich überhaupt nicht wie „ich“ an. Ich schaute in den Spiegel und fragte mich, ob das wirklich noch ich sein sollte. Gegenfrage: Wer denn sonst?

Und genau deshalb war ich heute absolut nicht in Stimmung mich auf der Sommerfeier zu präsentieren. Ich wollte einfach niemanden sehen. Mit niemandem reden. Lasst mich doch alle in Ruhe! Dieses Glück war mir in meiner Familie allerdings selten vergönnt. So auch jetzt nicht.

Mit den Worten „Was ist denn heute mit dir los?“ stürmte meine kleine Schwester Nico ins Zimmer. Eigentlich hieß sie Nicole, aber niemand durfte sie so nennen. Sie war zwei Jahre jünger als ich und theoretisch müsste ich sie hassen. Sie war groß, blond und schlank. Und ihre Augen strahlten kornblumenblau aus ihrem Gesicht. Sie war das Ebenbild meiner Mutter. Und das Gegenteil von mir. Denn ich war klein, brünett und kurvig. Und meine Augen hatten einen ausgewaschenen Blauton, der schon fast ins Grau überging. Ich fühlte mich manchmal wie ein Kuckuckskind. Aber die Ähnlichkeit mit meinem Vater war bei näherem Hinsehen nicht zu leugnen. Wir hatten die gleiche Augenfarbe. Aber bei ihm sah das Blaugrau irgendwie cool aus. Zu seinen leicht angegrauten Haaren und der silbernen Designer-Brille passte es perfekt. Mich machte diese Augenfarbe eher blass und irgendwie unattraktiv. Das einzige, was ich aktuell wirklich an mir liebte waren meine schönen, dicken, dunkelbraunen Haare. Zusammen mit meinem hellen Teint sah ich ein bisschen aus wie Schneewittchen. Oder zumindest, wie ich mir Schneewittchen vorstellte. Das hörte ich auch des Öfteren von anderen Menschen, zum Beispiel von meiner Schwester. Die warf sich gerade zu mir aufs Bett und knuffte mich in die Seite: „Na, welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen? Immer noch die Christian-Sache von gestern?“

„Was heißt hier immer noch? Wie du schon gesagt hast, es ist erst einen Tag her“, empörte ich mich.

„Das war doch nur blödes Gelaber! Und er hat auch was Positives über deine Brüste gesagt. Über meine Brüste redet keiner. Denn sie sind sozusagen nicht vorhanden.“     

„Du bist auch erst 14. Da besteht eine reelle Chance, dass sich das noch ändert.“

„Das will ich aber auch schwer hoffen. Wo hast du deine noch mal bestellt? Gibt’s da vielleicht Mengenrabatt?“, grinste sie.

Wie sollte man so jemanden hassen? Natürlich liebte ich meine kleine Schwester. Und ein Grund dafür war, dass sie es fast immer schaffte, mir ein Lächeln zu entlocken – egal wie mies meine Stimmung gerade war. So auch jetzt.

 „Ah, da war ein kleines Schmunzeln. Ich hab´s genau gesehen“, feixte Nico, während sie sich vom Bett hochhievte. „Und jetzt schwing deine Hufe, und hilf mir die Lichterketten aufzuhängen, bevor Mama noch Schnappatmung bekommt!“

„Ich hab´ heute wirklich keine Lust auf diesen ganzen Zirkus. Kannst du nicht einfach sagen, dass ich krank bin?“ Ich linste zu ihr hoch.

„Willst du wirklich, dass sie hierher kommt und das überprüft? Du weißt doch, dass ihr das Sommerfest heilig ist. Und es findet nur einmal im Jahr statt. Also raff dich auf, Schwesterlein!“

Ich vergrub mein Gesicht im Kopfkissen, aber Nico zog es mir weg. Widerstand war zwecklos. Mit einem lauten Stöhnen setze ich mich auf und fuhr mir durch die Haare. Ich wusste es selbst: Ich würde heute nicht davonkommen. Also versuchte ich ein halbwegs freundliches Gesicht aufzusetzen und folgte Nico hinaus in den Garten. Ich bezeichnete das Grundstück ja insgeheim immer eher als Park. Es war wirklich groß. Mit altem Baumbestand, einem Schwimmteich und vielen lauschigen Plätzchen, an denen überall Sitzgelegenheiten standen. Ich hing an unserem Garten. Er war wirklich etwas Besonderes und der ideale Schauplatz für das mittlerweile im Freundes- und Bekanntenkreis berühmte Sommerfest meiner Mama.    

Die war gerade dabei dem Typen vom Catering richtig einzuheizen. Anscheinend hatte er den Rucolasalat vergessen. Keine Ahnung, warum zurzeit alle so auf dieses Grünzeug abfuhren. Ich kam mir immer wie ein Hase vor, wenn ich an diesen Stängeln rumkaute. Der Mann hatte mein vollstes Verständnis. Erstens: Wer brauchte schon Rucola? Und zweitens: Wer meiner Mutter am Tag ihres heiß geliebten Sommerfests in die Quere kam, den konnte man einfach nur bemitleiden. Sein Kopf war knallrot angelaufen, und er hatte sich bestimmt schon ein Dutzend Mal entschuldigt, seit wir den Rasen betreten hatten. Wir beschlossen einen großen Bogen um die beiden zu machen und mit den Lichterketten zuerst hinten anzufangen.

Als die Beleuchtung endlich angebracht war, gönnten wir uns eine kurze Pause in der Küche. Genauso wie der Garten war auch sie sehr groß. Eine typische Wohnküche. Mein Vater saß an der Theke und blätterte in der Tageszeitung. Das war ja wieder typisch. „Warum darfst du hier eigentlich sitzen und lesen, während wir draußen in der Hitze schuften müssen?“, fragte ich ihn.

Er blickte auf. „Ah, da sind ja meine beiden Mädels. Ihr wisst doch, dass eure Mutter mir in Sachen Deko überhaupt nicht vertraut. Und außerdem: Ich habe meine Aufgaben schon erledigt. Alle Tische und Bänke sind aufgebaut. Gönnt eurem alten Vater doch auch mal eine kleine Pause!“

„Außerdem müsst ihr nicht schuften, sondern ihr helft mir ein bisschen. Wie brave Kinder das eben tun.“ Hinter uns war meine Mutter ins Zimmer gekommen.

„Mama, wir sind keine Kinder mehr“, protestierte Nico sofort.

„Auch, wenn ihr jetzt vielleicht Jugendliche seid, werdet ihr euer ganzes Leben lang meine Kinder bleiben. So ist das nun mal. Findet euch damit ab!“ schmunzelnd setzte sie sich zu meinem Vater, zog die Zeitung ein Stück nach unten und gab ihm einen Kuss.

Meine Eltern waren ein wunderbares Paar, das sich nach all den Jahren immer noch liebte. Das war für jeden ersichtlich, der mit ihnen zu tun hatte. Mama arbeitete bei der Gemeinde, wusste immer den neuesten Klatsch und Tratsch und mochte es Menschen um sich zu haben. Deshalb hing sie auch so sehr an ihrem Sommerfest. Seit ich denken konnte, gab es diese Party. Sie war noch nicht ein einziges Mal ausgefallen. Die 1,75 Meter meiner Mutter waren immer modisch gekleidet. Mit ihren endlos langen Beinen und der blonden Wallemähne stach sie aus der Masse heraus. Neben ihr fühlte ich mich wie ein hässliches Entlein. Mein Vater ergänzte sie perfekt. So organisiert wie sie war, so chaotisch war er. Bei einem Architekten nur schwer vorstellbar. In seiner Arbeit war er auch immer akkurat. Nur sein Schreibtisch war das nicht. Er trug fast immer Anzug. Er hatte nach eigener Aussage keine Lust sich viele Gedanken über seine Garderobe zu machen. Deshalb griff er dauerhaft zu seiner Uniform. Selbst am Wochenende konnte er sich nur schlecht von seiner gewohnten Kleiderordnung trennen. Ich hatte ihn schon einmal dabei erwischt, wie er im Anzug und mit Gummistiefeln den Rasen mähte. Das sagt eigentlich schon alles.

„Seid ihr mit den Lichterketten schon fertig?“, unterbrach meine Mutter meine Gedanken.

„Fix und fertig.“ Ich öffnete den Kühlschrank, holte mir eine Flasche Apfelsaft heraus und goss mir ein Glas ein. Etwas Kaltes, Flüssiges mit Zucker, das brauchte ich jetzt dringend.

„Wunderbar, dann müssen wir uns alle nur noch umziehen. In einer Stunde kommen die ersten Gäste.“

Ich verdrehte die Augen.

„Das habe ich gesehen, Ella!“, meine Mutter hob spaßeshalber den Zeigefinger. „Ich weiß, dass du grade nicht in Stimmung für das Fest bist. Aber wenn man keine Lust hat, dann wird es doch meistens umso schöner.“

Wie recht sie damit hatte, wusste sie in diesem Moment noch nicht. Aber tatsächlich würde ich mich mein ganzes Leben an diesen Abend erinnern.

Nachdem ich eine halbe Stunde lang verzweifelt vor meinem Kleiderschrank gestanden war, entschied ich mich für einen langen Camouflage-Nylonrock, der meine Hüften und Oberschenkel kaschierte. Dazu trug ich ein schlichtes, schwarzes Shirt und dunkle Plateau-Boots. Ein Outfit, das meine Mutter wahrscheinlich nicht gutheißen würde, in dem ich mich aber sicher fühlte. Und das war heute mit meinem angeschlagenen Selbstwertgefühl eine Menge wert.

Als ich ins Freie trat, war schon einiges los. Schon von weitem sah ich meine Eltern ihre besten Freunde begrüßen – Ursula und Tom.

Ursula hatte mit meiner Mama zusammen entbunden. Ihr Sohn Kilian war genauso alt wie ich. Und damit meine ich wirklich exakt so alt. Er ist in der selben Minute, am selben Tag, am selben Ort geboren. Irgendwie unheimlich. Seitdem waren unsere Familien miteinander befreundet. Früher hatten wir oft alle zusammen etwas unternommen. Wir hatten Ausflüge gemacht und sogar Urlaube zusammen verbracht. Kilian hatte auch eine Schwester, die im ähnlichen Alter war wie Nico. Wir vier Kinder waren immer ein eingeschworenes Team gewesen. Wir hatten viel zusammen erlebt. Aber seit ein paar Jahren waren die gemeinsamen Aktivitäten weniger geworden. Jeder von uns ging auch innerhalb der Familien mehr und mehr seine eigenen Wege. Was auch gut war. Aber gerade jetzt, wo ich Ursula und Tom wiedersah, vermisste ich die gemeinsame Zeit ein bisschen. Ich hatte wunderbare Erinnerungen an Spielenachmittage, Bootsfahrten und Mini-Golf-Wettkämpfe.

Ich steuerte auf die Gruppe zu und sah, dass auch ihre Kinder Kilian und seine Schwester Sarah mit dabei waren. Ich hatte sie noch länger nicht gesehen als ihre Eltern. Wir besuchten nicht die selben Schulen. Und auf dem letzten Sommerfest waren beide nicht dabei gewesen. Ich hatte die Gruppe fast erreicht, als Kilian den Blick hob und mich ansah. Er lächelte und winkte mir zu. Ich winkte zurück, aber in meinem Kopf herrschte plötzlich gähnende Leere. Wie mechanisch setze ich meinen Weg fort und blickte ihm dabei weiter in die Augen. Wow, der war ja eine echte Sahneschnitte! Der sah doch nicht immer schon so gut aus, oder? Ich konnte mich einfach nicht von seinen Schokoaugen losreißen. Schokoaugen? Was war denn bitte mit mir los?! Wie kam ich denn jetzt auf diesen Blödsinn? Irgendwie war ich verwirrt. Warum bin ich denn jetzt verwirrt? Das ist Kilian, mein Freund seit Kindertagen. Aber irgendwas war plötzlich anders. Als ich ihn erreichte, hielt er mir die Hand hin: „Hey, Risi, gib mir fünf!“ Ich schlug ein, immer noch leicht durcheinander.

Risi war mein Spitzname, den allerdings nur Kilian benutzte. Er kam von einer unsäglichen Geschichte, die mit dem italienischen Reisgericht „Risi Bisi“ zu tun hatte. Ein Kochversuch meinerseits, der kläglich schiefging. Wirklich katastrophal. Der Reis war matschig und angebrannt gleichzeitig. Eine nicht essbare Kombination. Seitdem musste ich damit leben, dass er mich immer wieder an dieses Fiasko erinnerte. Aber ich konnte mir nicht helfen, ich fand es trotzdem süß, wenn er mich so nannte.

Irgendwie schaffte ich es ihn anzulächeln, aber alles was ich herausbrachte war ein leises „Hey.“ Erbärmlich. So was von. Das war kein heißer Typ, das war Kilian. Ich kam überhaupt nicht mehr klar. Einfach tief durchatmen, und erst mal alle anderen begrüßen.

„Sehen wir uns später noch?“, fragte der heiße Typ in Verkleidung meines Sandkastenfreundes.

„Ja, klar“, rief ich ihm über die Schulter zu und suchte schnellstmöglich das Weite.

Im Verlauf des Abends versteckte ich mich hinter meiner neuen Spiegelreflexkamera und beobachtete die Party durch den Sucher. Ich hatte sie mir mit einem Nebenjob in einem Café selbst verdient. Ein Jahr lang hatte ich darauf gespart. Meine Mutter verstand nicht, warum ich mir die Kamera nicht einfach zum Geburtstag gewünscht hatte. Meine Eltern waren jetzt nicht wirklich reich, aber sie mussten sich um Geld trotzdem nicht viele Gedanken machen. Das Haus mit dem riesigen Garten hatten sie von meiner Oma mütterlicherseits geerbt, die leider früh verstorben war und ihr Ehemann sogar noch früher. Ich konnte mich kaum an die beiden erinnern. Mein Vater hatte die Villa dann liebevoll restauriert. Nicht mit seinen eigenen Händen, aber es waren seine Ideen, die der alten Gründerzeitvilla wieder zu Glanz verhalfen. Mit der restlichen Erbschaft und dem Geld, das mein Papa mit seinem Architektenbüro verdiente, mussten sie sich nicht allzu viele Sorgen machen. Wir Kinder bekamen daher viele unserer Wünsche erfüllt. Aber ich wollte gerne einmal etwas ganz alleine schaffen. Ohne ihre Hilfe. Und deshalb war ich besonders stolz auf meine neue Errungenschaft.

Hinter der Linse fühlte ich mich sicher. Es gab da diese Distanz zu meinem Gegenüber. Es war schwer zu beschreiben, aber an diesem Abend fühlte sich die Kamera an wie ein Schutzschild. Ich schob mich durch die Reihen und fotografierte die Menschen, die in Grüppchen zusammenstanden, aßen und tranken.

Ich schoss auch ein Foto von Kilian, als er gerade mit seiner Schwester und Nico zusammenstand. Sie unterhielten sich und lachten in einer Tour. Ich war ein bisschen neidisch. Ich wollte mich auch zu ihnen stellen. Aber etwas hielt mich davon ab. Ich hatte da dieses komische Gefühl. Plötzlich wusste ich nicht mehr, wie ich mich Kilian gegenüber verhalten sollte. Irgendetwas lief hier gewaltig schief. Ich sah mir das Foto von ihm auf dem Display an. Es war erstaunlich gut geworden. Er wirkte entspannt und lächelte ungekünstelt an der Linse vorbei. Seine kurzen, lockigen Haare hätten eigentlich mal wieder einen Friseurbesuch nötig gehabt. Aber mir gefiel es, wie ihm die braunen Wellen ins Gesicht fielen. Sie waren nicht mit Gel gebändigt wie aktuell bei vielen anderen Jungs, sondern sahen unglaublich weich aus. Wie gerne würde ich da jetzt mit meiner Hand hineinfassen. Stopp! Halt! Was soll das? Kopfkino sofort aus! Reiß dich jetzt endlich zusammen, Ella!

Heute war einfach nicht mein Tag. Gestern ja auch schon nicht. Anscheinend war das überhaupt nicht meine Woche.   

„Ziehst du in den Krieg?“ Mein Vater kam auf mich zu und deutete auf den Rock in Tarnoptik.

„Papa, das nennt man Mode. Das hat nichts mit Krieg zu tun. Und du verstehst nichts davon. Du trägst schließlich immer dasselbe.“

„Ich trage immer das Gleiche. Dasselbe würde bedeuten, dass ich meinen Anzug nie wechseln würde.“

Das war das Problem mit einem Akademiker als Vater: Immer musste man sich solche Belehrungen anhören. Mein Gesichtsausdruck sprach wohl Bände. Er hob abwehrend beide Hände. „Zeig doch mal das Foto, das du dir gerade ansiehst.“

Ich versteckte die Kamera blitzartig hinter meinen Rücken. „Ich muss die schlechten Bilder erst aussortieren“, versuchte ich mich zu rechtfertigen. Ich hatte keine Ahnung, warum ich das eben getan hatte. Es war ein Reflex. Ich kam mir ertappt vor. Aber wobei eigentlich? Dass ich ein Foto von einem Freund der Familie geschossen hatte, war ja wohl kein Verbrechen.

„Na, dann muss ich mich wohl noch ein bisschen gedulden. Ich hoffe, du löschst alle Bilder, auf denen ich unvorteilhaft aussehe. Dafür sind diese Digitalkameras doch gut, oder?“

„Ach Papa, es gibt doch überhaupt keine Bilder auf denen du schlecht aussehen könntest. Ganz im Gegensatz zu mir. Ich bin überhaupt nicht fotogen. Aber deshalb stehe ich auch lieber hinter der Kamera“, seufzte ich.

„Ah, verstehe. Auch wenn ich dem nicht zustimmen würde. In deinem Babyalbum …“

„Papa, fang jetzt nicht von meinem Babyalbum an! Da war ich noch ein Baby, wie der Name schon sagt. Das kannst du doch gar nicht mit heute vergleichen. Ich muss jetzt weitermachen. Ich habe noch kein einziges Bild von Mama geschossen.“

„Na dann viel Erfolg. Und vergiss nicht: Das ist eine Party. Da darfst du ruhig auch ein bisschen feiern und Spaß haben.“

Mit einem „Ich habe Spaß“ ließ ich ihn stehen und suchte weiter nach Fotomotiven. Aber mein Blick blieb immer wieder an Kilian hängen. Es war zum verrückt werden. Ich steuerte eine andere Ecke des Gartens an und drehte ihm den Rücken zu. Nach einer Weile entschloss ich mich eine Pause zu machen und mir etwas zu trinken zu holen. Als ich sah, was hier für ein Chaos herrschte, fing ich erst mal an die leeren Flaschen in die Kästen unter dem Tisch zu stapeln. Dann stellte ich Neue in die Behälter mit den Eiswürfeln.

„Du machst es immer noch“, hörte ich plötzlich eine Stimme neben mir.

Ich schrak zusammen. Ich hatte nicht bemerkt, wie Kilian an mich herangetreten war. „Was mache ich immer noch?“

„Du sortierst alles nach Farben.“

Ich blickte auf die aufgereihten Flaschen, die ich wirklich nach Farben sortiert hatte. Zuerst Wasser und Zitronenlimonade, dann Orangensaft und Orangenlimonade, Rot- und Blautöne wie Traubensaft und Johannisbeersaft daneben. Zum Schluss Cola. Ich hatte es gar nicht bemerkt. Es war eine Marotte von mir, die sich im Grundschulalter entwickelt hatte. Es freute mich, dass er sich noch daran erinnerte. „Ja, ich weiß, es ist skurril.“

„Schon irgendwie. Du hast eben einen echten Dachschaden“, gab er grinsend zurück.

„Hey, Moment mal. Ich geb´ dir gleich Dachschaden!“ Ich versuchte ein bedrohliches Gesicht zu machen, was ihm lediglich ein weiteres Lächeln entlockte.

„Da bekomme ich jetzt wirklich Angst! Was wird mir die regenbogenfarbig-sortierende Risi nur antun? Wird sie mir sagen, dass mein Outfit farblich nicht zusammenpasst? Wird sie ab jetzt nur noch Schwarz-weiß-Fotos von mir machen? Oder wird sie mich in eine Regenbogenforelle verwandeln?“

„Witzbold!“ Ich boxte ihm spielerisch gegen den Oberarm.

„Au, rohe Gewalt also. Das hätte ich nicht von dir erwartet.“ Er tat, als wäre er wahnsinnig enttäuscht von mir. Ich konnte nicht anders als über seine grottenschlechte schauspielerische Leistung zu lachen.

„Endlich lächelst du heute mal.“ Es war ihm also aufgefallen, dass ich nicht gut drauf war. „Aber ganz im Ernst: Ich mag deinen Farbtick. Er ist etwas Besonderes. Warum versteckst du dich heute eigentlich die ganze Zeit hinter einer Kamera? So menschenscheu kenne ich dich gar nicht“, bemerkte er weiter.

„Ich bin eben einfach nicht so in Stimmung“, ich deutete in die Runde, „für all das.“ Ich überging sein Kompliment, weil es mich extrem verlegen machte.

„Okay, dann lass uns doch wohin gehen, wo ein bisschen weniger Trubel ist! Ich muss sowieso vor meiner Schwester fliehen. Und vor deiner. Die hängen heute an mir wie die Kletten.“

Ich sah ihn fragend an.

„Neuerdings haben die beiden einen totalen Kosmetik-Fimmel entwickelt. Angeblich gibt es einen Trend, dass Männer sich jetzt auch die Nägel lackieren. Sie haben es in einem Musikvideo von irgendeiner Band gesehen. Und jetzt wollen sie mich als Versuchskaninchen missbrauchen.“

„Naja, warum nicht? Grüne Nägel würden dir bestimmt hervorragend stehen. Oder vielleicht regenbogenfarbene?“

„Regenbogenfarben?“

„Ja, du weißt schon, jeder Nagel in einer anderen Farbe.“

„War ja klar, dass so was von dir kommt. Das meinst du nicht ernst, oder? Du wirst mich doch nicht den Wölfinnen zum Fraß vorwerfen?“ Er sah mich flehentlich an.

Ich tat als würde ich kurz überlegen: „Hmmmmm. Natürlich nicht. Komm, ich weiß einen sicheren Platz, wo sie dich garantiert nicht finden werden.“

Ein paar Minuten später saßen wir auf dem Hausdach, neben dem Dachfenster meines Zimmers. Darunter war ein großer Vorsprung, weshalb es relativ ungefährlich war hier zu sitzen. Mein Zimmer ging nicht zum Gartenteil hinaus, wo das Fest stattfand. Deshalb, und auch weil es dunkel war, konnte uns hier niemand finden. Ich kam ab und zu zum Nachdenken hierher. Und wenn ich meine Ruhe wollte.

„Ein schönes Plätzchen hast du hier.“ Kilian fläzte halb sitzend, halb liegend auf einem der ausgemusterten Gartenstuhl-Polster die ich mitgebracht hatte. Der Nachthimmel war gespickt mit Sternen. Wir legten uns beide auf den Rücken und blickten nach oben.

„Früher habe ich das Wort sternenklar immer falsch verstanden“, setzte ich an. „Ich dachte es bedeutet, dass der Himmel klar ist von Sternen, also im Sinne von sternenfrei. Quasi ohne Sterne.“

„In deinem Kopf ist so einiges verdreht, oder?“ Ich konnte das Schmunzeln in seiner Stimme hören.

„Ja, das ist nicht zu leugnen. Allerdings finde ich das Wort immer noch irreführend. Eigentlich müsste es eher sternenvoll heißen.“

„Sternenvoll. Hmmm … Ich weiß nicht so recht.“

„Wieso? Es gibt doch auch das Wort wundervoll. Sternenvoll würde super passen. Und es beschreibt die Situation viel verständlicher.“

„In Ordnung. Ich werde es ab heute benutzen.“

„Wirklich?“

„Hand aufs Herz. Und ich fange gleich damit an. Heute ist eine sternenvolle Nacht. Einfach wundervoll.“ Er kicherte.

„Du nimmst mich auf den Arm. Das ist fies.“

„Aber nur, weil du ein klein wenig durchgeknallt bist. Und trotzdem liege ich lieber hier mit dir und sehe mir den sternenvollen Himmel an, als unten auf der Party zu sein.“

Mein Herz schlug plötzlich ein bisschen schneller. Er war gerne mit mir zusammen?

„Wegen dem drohenden Nagellack-Attentat?“, hakte ich im Scherz nach. Und doch war mir die Antwort auf einmal wahnsinnig wichtig.

„Nein.“

Einfach nur nein. Ich wusste nicht, dass ein NEIN sich so gut anfühlen konnte. Ich traute mich nicht, zu ihm rüberzusehen. Ich blickte weiter zu den Sternen hinauf. Die Musik vom Fest war hier oben leise zu hören. Gerade spielten sie einen aktuellen Song – „Mambo No.5“ von Lou Bega. Er passte zu diesem Sommerabend. Aber überhaupt nicht zu meiner Stimmung.

„Warum lachst du?“, fragte mich Kilian.

„Weil der Tanz-Song überhaupt nicht meiner aktuellen Stimmung entspricht. Und es irgendwie merkwürdig ist, sich dazu die Sterne anzusehen. Das passt nicht zusammen. Verstehst du, was ich meine?“

„Ja. Das verstehe ich ziemlich gut. Das ist wie bei meinen Eltern und mir. Wir passen grade auch nicht wirklich gut zusammen. Das fühlt sich genauso an wie diese Musik zu diesem Moment: falsch.“

„Hast du Stress mit deinen Eltern?“

„Nein, nicht direkt Stress.“ Er hielt inne. Wahrscheinlich hatte er keine Lust darüber zu reden. Ich drängte ihn nicht. Wenn er es mir erzählen wollte, würde er es tun.

Die nächsten 10 Minuten sahen wir einfach nur in den Himmel und sagten nichts. Es war kein unangenehmes Schweigen. Es war schön hier neben ihm zu liegen. So nah, dass ich nur meine Hand ausstrecken bräuchte, um ihn zu berühren. Wo kommt denn der Gedanke jetzt wieder her?

„Du hast nicht weiter nachgefragt“, stellte er fest und riss mich aus meinen Gedanken. „Jedes andere Mädchen das ich kenne, hätte nachgebohrt.“

„Ich bin aber nicht jedes andere Mädchen“, erwiderte ich.

„Nein, das bist du nicht.“ Er drehte sich zu mir um. In der Dunkelheit konnte ich nur seine Umrisse erkennen. Ich sah nicht, ob er lächelte oder mich einfach nur anblickte. Ich spürte ein Kribbeln, irgendwo in meiner Bauchgegend. Und es breitete sich über meinen ganzen Körper aus. Ganz langsam. Wie zähflüssiger Honig. Honig mit Brausepulver.

Wir redeten und redeten. Über das Internet und seine Möglichkeiten. Über gemeinsame Bekannte und unsere Lieblingsfilme. Bis irgendwo unter uns jemand Kilians Namen rief.

„Wie spät ist es?“, fragte er.

Ich blickte auf das beleuchtete Display meiner Baby-G Armbanduhr. „Halb eins.“

„Mist, meine Eltern suchen mich bestimmt schon. Ich glaube, ich habe sie gerade rufen gehört.“

„Dann lass uns wieder runtergehen.“

„Ich will noch nicht weg“, seufzte Kilian. “Aber so ist das, wenn man 16 Jahre alt ist. Was man selbst will, zählt nicht.“ Seine Worte hatten einen bitteren Unterton. Irgendwas war los bei ihm und seinen Eltern. Ich hätte ihm gerne geholfen. Schade, dass er mir nicht davon erzählen wollte.

„Bevor sie noch eine Suchaktion starten, sollten wir wirklich gehen. Nicht auszudenken, wenn sie dein Geheimversteck finden würden! Danke, dass du es mir gezeigt hast.“ Plötzlich war er wieder der charmante Sunnyboy.

„Gerne. Du darfst es nur auf keinen Fall Sarah verraten! Sie erzählt es sonst gleich Nico. Die beiden stecken ja meistens unter einer Decke. Und das war´s dann mit den ruhigen Zeiten hier oben.“

„Meine Lippen sind versiegelt.“ Lachend machten wir uns an den Einstieg über das Dachfenster, was mit meinem langen Rock gar nicht so einfach war. Ich zog ihn soweit wie möglich hoch und raffte ihn zusammen. Kilian, der zuerst wieder ins Zimmer geklettert war, half mir. Als seine Hände kurz meine nackten Beine berührten, fühlte sich das wie ein Stromstoß an. Ein guter Stromstoß – falls es so etwas gab. Ich wollte, dass er mich noch länger festhielt. Ich wollte ihm ganz nah sein. Und das war der Moment, wo ich begriff, was eigentlich los war. Ich hatte mich verknallt. In meinen Sandkastenfreund. Den ich schon immer kannte. Dessen Eltern mit meinen Eltern befreundet waren. Mit dem ich schon gemeinsame Urlaube verbracht hatte. Der mich bestimmt schon mal nackt gesehen hatte. Und der mit Sicherheit nichts von mir wollte, weil ich zu breite Hüften hatte. Und zu feiste Oberschenkel. Das war eine Katastrophe. 

„Ich habe einen magischen Abend mit einem Jungen auf dem Dach unseres Hauses verbracht. Wir haben Sterne geguckt und geredet. Und jetzt bin ich in ihn verknallt. Und das ist der Super-GAU“, tippte ich eine Nachricht per ICQ-Chat an meine beste Freundin Jennifer. Sie war noch wach, denn sie antwortete mir postwendend:

„Das ist soooo romantisch! Ich flipp aus! Wer ist der Typ? Und warum bitte ist das eine Katastrophe?“

Jennifer war der Inbegriff einer Romantikerin. Sie verschlang Liebesromane und romantische Komödien in rauen Mengen. Das machte es allen männlichen Wesen schwer, die ein Auge auf sie geworfen hatten. Denn sie mussten entweder ein Prinz auf einem weißen Pferd, ein Rosenkavalier oder zumindest jemand sein, der Gedichte schreiben konnte. Anwärter gab es haufenweise, da sie eine echte Granate war. Ihren karamellfarbenen Hautton und das exotische Aussehen hatte sie von ihrem Vater geerbt. Er stammte aus Indien und war für ein Auslandssemester in der Stadt gewesen. Das war allerdings das einzige, was sie jemals von ihm bekommen hatte. Er verschwand noch vor der Geburt über alle Berge, beziehungsweise saß wieder im Flieger zurück in seine Heimat. Leider wurden die Bewerber also meistens den hohen Anforderungen nicht gerecht. Weshalb Jen noch nie einen festen Freund gehabt hatte. Aber sie träumte ständig davon, auch mit offenen Augen. 

„Es ist Kilian!“, schrieb ich zurück.

„Der Sohn von den Freunden deiner Eltern? Der mit dir zur selben Zeit geboren wurde?????“

„Ja, genau der. Verstehst du jetzt das Problem?“

„Das ist doch der absolute Wahnsinn! Euch hat das Schicksal zusammengebracht! Ich seh` da kein Problem!!!!!“

„Uns hat gar niemand zusammengebracht. Ich habe nur den ganzen Abend schon bemerkt, dass ich ihn plötzlich irre attraktiv finde, und alles war so komisch. Und dann das auf dem Dach. Danach war klar: Mich hat´s erwischt. Aber ihn hat es nicht erwischt!“

„Ich bin ein Mädchen, das vor einem Jungen steht und ihn bittet es zu lieben.“
„Häh? Was willst du mir jetzt damit sagen?“

„Das ist ein Filmzitat aus Notting Hill! Hast du den denn noch nicht gesehen????“

„Doch habe ich. Und ich weiß, dass du dieses Zitat ziemlich verhunzt hast. Das geht eigentlich ein bisschen anders.“

„Ich hab´ es nur ein bisschen umgestaltet, damit es zu dir passt.“

„Ich soll also zu meinem Sandkastenfreund hingehen und ihn bitten mich zu lieben?“

„Nein, so habe ich das nicht gemeint. Ich weiß auch nicht mehr, was ich damit sagen wollte. Ich wollte nur irgendwas Romantisches unterbringen. Ich liebe diesen Film. Hugh Grant ist einfach der Wahnsinn …“

„Wir schweifen ab!“

„Sorry. Also woher weißt du, dass es bei ihm nicht auch gefunkt hat?“

„Weil er nichts gesagt hat und nichts gemacht hat, was darauf schließen lässt.“

„Hast du was gesagt oder gemacht?“

„Nein.“

„Na siehst du. Lass uns das morgen in der Schule besprechen. Wir analysieren jedes Wort. Dann werden wir schon rausbekommen, ob Hoffnung besteht.“

„Es besteht keine Hoffnung.“

„Warte wenigstens bis morgen, bevor du im Trübsal versinkst. Ich muss jetzt ins Bett, sonst kann ich mich in der ersten Doppelstunde Mathe auf keinen Fall wachhalten. Den einschläfernden Monologen von Schäfer zuzuhören, kostet mich alle Kraft. Schlaf gut!“

„Du auch!“

KAPITEL 2
Jahr: 2000
Alter: 17

Heute war DER Tag. Der Tag, wo ich endlich irgendetwas tun würde um Kilian näher zu kommen. Seit einem Jahr schmachtete ich ihn mehr oder weniger aus der Ferne an. Und Jennifer und ich hatten beschlossen, dass damit jetzt Schluss sein würde. Lieber nahm ich in Kauf, dass er mich abweisen würde, als diese Sehnsucht noch länger zu ertragen. Ich bekam ihn einfach nicht mehr aus meinem Kopf. Vielleicht empfand er etwas für mich und traute sich auch nicht den ersten Schritt zu machen. Immerhin hatte er mir auf dem letzten Sommerfest gesagt, dass er gerne Zeit mit mir verbrachte. Das ist doch schon mal ein Anfang. Darauf kann man aufbauen, oder?

Ich war schrecklich aufgeregt. Die halbe Nacht lag ich wach und grübelte. Deshalb stand ich früh auf und stürzte mich gleich in die Partyvorbereitungen. Ich faltete Servietten, spannte Lampions auf, polierte Besteck, wischte Tische ab, fegte die Terrasse und stellte Getränke kühl. Meine Mutter kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Als sie mich in der Küche mit den Flaschen hantieren sah, machte sie sich endlich Luft: „Also ich möchte mich keinesfalls beschweren. Wirklich nicht. Ich bin eigentlich total begeistert. Aber ich kenne dich. Und deshalb macht mir das alles hier ein bisschen Angst. Du hast nicht zufällig vor, mit einem Motorradtypen durchzubrennen?“

Ich sah sie etwas entgeistert an und schüttelte den Kopf.

„Du willst mir nicht gleich beichten, dass du die Klasse doch noch wiederholen musst?“

Ich schüttelte wieder den Kopf.

„Und du stehst auch nicht kurz vor einem Nervenzusammenbruch?“

Ich hielt eine Millisekunde inne. Nein, einen Nervenzusammenbruch konnte man das nicht nennen. Aber dass ich gefühlt kurz vor einer Panikattacke stand, das musste meine Mama ja nicht unbedingt erfahren. Ich schüttelte also zum dritten Mal den Kopf.

„Sehr gut. Puh, das erleichtert mich ein bisschen. Schwanger bist du auch nicht, oder?“

„Mama!“, protestierte ich vehement.

„Ist ja gut, ist ja gut. Dann freue ich mich einfach über deinen unverhofften Aktionismus. Und nutze ihn sofort aus. Kannst du schnell rüber zur Gärtnerei fahren und Basilikum holen? Ich brauche mindestens noch zwei Töpfe. Irgendwie hab´ ich mich da ein bisschen verkalkuliert …“

Nachdem der Catering-Service letztes Jahr in den Augen meiner Mutter völlig versagt hatte, versuchte sie sich dieses Mal selbst am Buffet. Mehrere Platten mit Tomaten und Mozzarella hatte sie schon vorbereitet, aber das Basilikum war ihr zwischenzeitlich ausgegangen.

„Ja, mach ich.“

„Sie hat ­’Ja, mach ich‘ gesagt, Bernd. Einfach so!“, erklärte meine Mutter völlig fasziniert meinem Vater, der gerade vorbeilief. Er zuckte nur mit den Schultern und sah sie ratlos an.

„Also so schlimm wie ihr tut, bin ich wirklich nicht!“

Mein Papa zuckte wieder mit den Schultern, schnappte sich eine Flasche Mineralwasser und verkrümelte sich aus der Küche.

„Ich frag Nico, ob sie auch mitkommen will …“

„Wohin mitkommen?“ Meine Schwester kam gerade zur Terrassentür herein.

„Wir müssen Mamas Party retten und Basilikum besorgen. Begleitest du mich?“

„Okay, ich hol nur noch schnell meinen Rucksack.“

Erwartungsvoll sah ich meine Mutter an. „Und, was sagst du jetzt? Beide Töchter setzen sich gemeinsam für dein Sommerfest ein.“

„Das ist wirklich schwer zu verkraften.“ Mama fasste sich ans Herz. „Vorsicht, ihr zwei! Wenn ihr eure Mutter heute noch mal vor Rührung weinen sehen wollt, dann macht nur so weiter! Notiz an mich selbst: Heute Abend wasserfeste Wimperntusche verwenden! Man weiß nie, was noch passiert.“ 

„Ich versteh nur Bahnhof“, schaltete sich meine Schwester ein.

„Ich erklär´s dir gleich auf dem Weg. Wir sehen uns draußen.“

Die Gärtnerei war 15 Minuten mit dem Fahrrad von unserem Haus entfernt. Auf der Suche nach der Gewürzpflanze lief uns in einem der Gänge Kilians Schwester Sarah vor die Nase. Sie streifte sich den Kopfhörer in den Nacken und umarmte zuerst Nico und dann mich.

„Hey, was macht ihr denn hier?“

„Letzte Besorgungen für das Sommerfest. Du kommst doch mit deiner Familie, oder?“, fragte Nico.

„Na klar. Ist fest eingeplant.“

„Und was machst du hier?“

„Eigentlich bereite ich mich auf mein Konzert vor. Aber Ma und Pa meinten, ich müsse mal ein bisschen rauskommen und könne ihnen gleich dabei helfen Pflanzen für den Garten auszusuchen. Deshalb habe ich ein bisschen Vorbereitung mit hierher genommen“, sie deutete auf die Kopfhörer.

Sarah war so etwas wie ein Wunderkind. Schon in der Grundschule wurde klar, dass ihr musikalisches Talent einzigartig war. Sie spielte zu der Zeit schon besser Geige als so mancher Erwachsener. Ihre Eltern waren sehr stolz auf sie und unterstützten sie bei ihrer Leidenschaft. Anders konnte man es nicht nennen, denn Sarah war sehr ehrgeizig und teilweise kaum zu bremsen. Weshalb ihre Eltern ihr manchmal eine Atempause verordneten.

„Du kannst es einfach nicht lassen“, lachte Nico, und ein paar Sekunden später waren beide in ein Gespräch über eine gemeinsame Freundin vertieft, die angeblich mit einem anderen gemeinsamen Freund heimlich im Kino gewesen war. Ich klinkte mich aus und begab mich weiter auf die Suche nach dem Basilikum.

„Na, seid ihr erfolgreich gewesen?“ rief uns meine Mutter zu, als sie uns zur Haustür hereinkommen hörte.

„Ja, wir haben Beute gemacht.“

„Könnt ihr das Basilikum dann bitte gleich auf dem Caprese verteilen? Das wäre großartig.“

Bevor wir zu einer Antwort ansetzen konnten, war sie schon im Garten verschwunden, mit einem riesigen Blumenarrangement in den Händen.

„Beim Sommerfest läuft sie wirklich immer zu ihrer Höchstform auf. Sie ist so wuselig, das ist echt schwer zu ertragen“, motzte Nico.

Wir packten die Gewürzpflanzen aus, zupften die Blätter ab und begannen sie zwischen Tomaten und Mozzarella einzuschichten. Bei dieser monotonen Arbeit schweiften meine Gedanken schnell ab. Zu Kilian. Mal wieder.

Er würde also sicher heute Abend kommen. Sonst hätte Sarah eben bestimmt etwas erwähnt. Seit dem letzten Sommerfest hatte ich ihn leider nicht sehr häufig gesehen. Eigentlich nur dreimal so richtig. Im Herbst auf einem Familienspieleabend. Wir hatten uns im Haus seiner Eltern getroffen und bei Popcorn und Chips Brettspiele gespielt. Es war wie früher gewesen. Alle hatten gute Laune, und wir waren einfach nur zwei Familien, die miteinander einen schönen Abend verbrachten. Naja, es war fast wie früher: Ich musste mich die ganze Zeit selbst daran erinnern, Kilian nicht dauernd anzustarren. Ich arrangierte es so, dass ich nicht neben ihm sitzen musste. Und dann klappte es ganz gut. Die lockere Stimmung nahm mir meine Befangenheit, und in TABU machte ich sie alle fertig.

Das zweite Mal kam er als Gast in das Café, in dem ich arbeitete. Ich bediente ihn und seine Freunde. Er stellte mich ihnen vor und immer, wenn ich zwischen durch kurz Zeit hatte, kam ich bei ihnen vorbei, und wir unterhielten uns.

Das dritte Mal war dann der Jackpot. Wir trafen uns zufällig in der Innenstadt. Da wir beide alleine unterwegs waren, beschlossen wir spontan gemeinsam Eisessen zu gehen. Erst verfluchte ich mich ein bisschen, warum ich ausgerechnet heute die ausgeleierte Jeans und das verwaschene Bandshirt trug. Aber schon bald war das vergessen und ich war einfach nur glücklich, dass wir endlich mal wieder Zeit zu zweit verbrachten. Da ich noch eine Verabredung mit einer Freundin hatte, konnte ich leider nicht lange bleiben. Aber kurz bevor wir wieder auseinandergingen machte mein Herz einen Hüpfer, als er meinte: „Hey, du hast meine Nummer ja noch gar nicht. Gib mir mal dein Handy, dann speichere ich sie dir ein!“ Ich wäre vor Freude fast geplatzt. Ich versuchte einen neutralen Gesichtsausdruck aufzusetzen und hoffte inständig, dass er meine zitternden Hände nicht bemerkte.

„Und jetzt ruf mich kurz an, dann habe ich deine Nummer auch.“ Er gab mir das Gerät zurück.

„Schon erledigt.“ Ich strahlte ihn so dermaßen an als wäre ich ein verdammtes Honigkuchenpferd. Der neutrale Gesichtsausdruck war Geschichte. Ich hatte zwar keine Ahnung was ein Honigkuchenpferd war, aber es wurde ihm nachgesagt, dass es richtig fett grinste. Und das tat ich auch. Ich hatte ein Grinsen im Gesicht, bis ins Universum und wieder zurück. Wahrscheinlich hielt er mich jetzt für debil. Aber in diesem Moment war mir das alles egal. Ich konnte meine Freude einfach nicht verstecken. Denn er hatte nach meiner Nummer gefragt! Naja, eigentlich hatte er mir seine Nummer gegeben. Aber völlig egal. Er wollte, dass wir uns kontaktierten. Was das letzte Jahr als ganz kleiner Hoffnungsschimmer in meinem Herzen überlebt hatte, wuchs plötzlich zu einem Flutlichtscheinwerfer an. Vielleicht mag er mich auch.     

Doch danach war erst mal Funkstille. Ich wartete darauf, dass er mir eine SMS schicken würde, aber es kam nichts. Im Freibad sah ich ihn ein paar Mal von Weitem. Aber ich hatte nicht den Mut mich ihm und seinen Freunden im Bikini zu präsentieren.

Und jetzt stand ich hier in der Küche und zupfte Basilikum und konnte nur noch daran denken, dass ich ihn in ein paar Stunden endlich wiedersehen würde. Und ich wünschte mir nichts sehnlicher als noch einmal mit ihm aufs Dach zu klettern, die Sterne zu betrachten und ihn endlich zu küssen. Heute würde ich es tun. Ich wollte nicht länger warten. Ich konnte nicht. Ich musste ihm endlich nah sein. Ich bekam Herzklopfen – jetzt, wo ich nur daran dachte.

„Sarah hat mich vorher auf den neuesten Stand gebracht. Und weißt du schon das Allerneueste? Kilian soll angeblich mit Daniela aus deiner Klasse gehen! Wusstest du das?“

Mit einem Schlag krachte ich auf den Boden der Realität. Und ich zog mir übelste Prellungen zu. Vielleicht sogar eine Lungenquetschung, denn ich konnte kaum atmen.

„Was?“, war das Einzige, das ich rausbrachte.

„Die beiden haben sich wohl schon ein paar Mal getroffen. Sarah meinte, es wäre noch nicht ganz offiziell. Aber krass oder? Diese doofe Trulla aus deiner Klasse. Naja, gut sieht sie schon aus, das muss man ihr lassen. Modelt die nicht neben der Schule?“ Ich nickte, unfähig etwas zu sagen, aber Nico redete schon weiter „Wie die durch die Schule stöckelt mit ihren peinlich hohen Schuhen und ihren geschniegelten Freundinnen. Die tun so, als müsse ihnen jeder die Füße küssen, oder? Ella? Hallo? Erde an Ella! Ich rede mit dir!“

Ja, Daniela war in meiner Klasse. Sie gehörte zur coolen Clique, genau wie Christian. Sie hielt sich wirklich für den Nabel der Welt. Und sie war wahnsinnig hübsch. Aber sie war ein Biest. Sie war die Schöne und das Biest in einer Person. Aber kein nettes Disney-Biest, das sich am Ende in eine schöne Prinzessin verwandelt. Sondern ein richtig fieses Biest mit einem schwarzen Herzen. Ja gut, ich übertrieb. Ein bisschen. Aber ich konnte es einfach nicht fassen. Ich konnte es nicht glauben. Das würde bedeuten, dass er nichts für mich empfand. Sondern etwas für sie. Und warum musste es ausgerechnet diese Daniela sein? Aber vielleicht ist es wirklich nur ein Gerücht. Oder sie haben sich ein paar Mal getroffen und dann gemerkt, dass es doch nicht passt?

„Ich muss auf die Toilette.“ Mit fahrigen Bewegungen legte ich die letzten Basilikumblätter an ihre Plätze und ließ Nico einfach stehen. Aber statt wie angekündigt aufs Klo zu gehen, verkroch ich mich mal wieder in meinem Zimmer.

Das konnte einfach nicht sein. Ich atmete tief ein und aus. Ich versuchte mir selber einzureden, dass noch gar nichts entschieden war. Ich hatte immer noch den heutigen Abend mit ihm. Ich hatte das Dach und die Sterne. Und ich würde ihm den besten Kuss geben, den er je bekommen hatte. Obwohl ich nicht viel Ahnung hatte wie das ging. Aber ich würde mich einfach anstrengen. Ich würde mein Bestes geben. Das müsste er doch spüren, und dann wäre mit Sicherheit alles klar. Genau so würde es kommen. Genau so. Ella dreh jetzt nicht durch!

Den restlichen Tag verbrachte ich damit, jedes einzelne Teil in meinem Kleiderschrank anzuprobieren. Aber nichts schien passend für den heutigen Abend. Das eine Kleid war zu freizügig, das andere zu brav. Die Jeans sah unvorteilhaft aus. Das Oberteil hatte zu viel Glitzer. Ich entschied mich letztendlich für eine weite glänzende Hose und ein ärmelloses, rotes Top, das am unteren Rücken geschnürt war: Ein bisschen sexy, aber nicht zu gewollt. Die Hose war gnädig zu meinen Oberschenkeln, und das Rot des Oberteils lenkte alle Blicke auf meine Vorzüge. Denn ich hatte Vorzüge. Ich musste mich einfach darauf konzentrieren. Dann würde das mit dem Selbstbewusstsein schon klappen, oder? Ich durfte nur nicht an Danielas Modelfigur denken. Das wäre kontraproduktiv. Ich würde sie einfach aus meinem Kopf verbannen. Raus da, du hohle Nuss! Du hast hier nichts verloren.

Der Garten sah wirklich wunderschön aus. Überall hingen Girlanden und Lampions in Pastellfarben. Das saftige Sommergrün war gespickt mit diesen Sprenkeln in hellblau, mintgrün, babyrosa und softgelb. Meine Mama hatte sich dieses Mal wirklich selbst übertroffen. Noch strahlte die Sonne am Himmel. Aber abends, wenn die Lichter angehen würden, würde das eine ganz besondere Stimmung zaubern: romantisch und vielleicht sogar ein kleines bisschen magisch. Ich konnte es kaum erwarten.

„Ella, schön dich zu sehen!“ Kilians Mutter Ursula drückte mich ganz vorsichtig an sich. Sie war eine kleine, zarte Person, bei der man das Gefühl hatte, jeder noch so kleine Windhauch könnte sie umpusten. Deshalb traute ich mich auch nie, sie wirklich fest zu umarmen.

In ihrer Ehe war sie der weiche, nachgiebige Teil, wohingegen Tom der Macher und Bestimmer war. Er leitete den Familienbetrieb, eine Schreinerei, und sie arbeitete dort in der Buchhaltung. Was bei meinem Vater seine Anzüge waren, waren bei Tom dessen Karohemden. Man traf ihn fast nie ohne. Er besaß sie mit langen und kurzen Armen, mit kleinen und großen Karos, aus Flanell und aus Baumwolle. Und das in allen erdenklichen Farben.

Tom konnte mit meinem Vater stundenlange Gespräche über Fußböden und Fußball führen. Auf den ersten Blick waren sie ein ungleiches Paar. Mein Vater mit Designerbrille und Hugo-Boss-Anzug, Tom mit Holzfällerhemd und Halbglatze. Aber immer, wenn sie aufeinandertrafen, kamen sie aus dem Diskutieren nicht heraus. Und auch wenn es manchmal verbal ordentlich zur Sache ging, am Ende stießen sie mit einem Glas Bier an, und die Welt war wieder in Ordnung. Sie hatten sich nicht nur mit der Freundschaft ihrer Frauen arrangiert, sondern sich selbst eine aufgebaut. Deshalb hatte das Konstrukt von unseren beiden Familien immer so gut funktioniert.     

„Hallo Tom“, begrüßte ich ihn. Sein Händedruck war fest, seine Handflächen schwielig von der Arbeit.

„Hallo Ella! Du wirst auch immer hübscher“, lächelte er mich an. Er konnte sehr charmant sein, wenn er wollte. Wir tauschten ein bisschen Smalltalk aus und dann sprach er mich auf meine Zukunftspläne an. „Hast du dir denn schon überlegt, was du nach der Schule machen möchtest?“ Er zog seinen Sohn an der Schulter zu sich heran. „Mein Sohn hat da anscheinend noch gar keine Ahnung. Aber ich würde sagen, es wird langsam Zeit, dass er sich Gedanken macht…“ Manchmal konnte er aber eben auch genau das Gegenteil von charmant sein. Kilian war sein Unbehagen deutlich anzusehen. „Hi Risi.“ Er nickte mir zu.

Ich nickte zurück und sah dann Tom an „Ich habe jetzt noch keinen ganz genauen Plan. Aber das Fotografieren macht mir sehr viel Spaß, und ich denke, ich werde in diese Richtung gehen.“

„Na, da bist du schon mal ein ganzes Stück weiter, als unser Sohnemann. Dabei lege ich ihm unser Familienunternehmen quasi zu Füßen. Und trotzdem kann er sich einfach nicht dafür entscheiden.“

„Papa, bitte nicht hier!“ Kilian sah seinen Vater eindringlich an. Die Spannung zwischen den beiden war fast mit den Händen greifbar.

Meine Mutter rettete die Situation, indem sie Tom bat ihr zu helfen, noch einen Sonnenschirm aufzustellen. Es war wirklich heiß heute. Eine drückende Schwüle lag in der Luft.    

Noch bevor ich mit Kilian sprechen konnte, waren einige neue Gäste eingetroffen, die ich begrüßen musste. Als ich endlich alle Hände geschüttelt hatte, war er in der Menge verschwunden. Ich durchstreifte den Garten und blickte mich suchend nach ihm um. Dieses Jahr waren besonders viele Menschen gekommen. Sicher um die 100 Gäste tranken, saßen, standen, lachten, fächelten sich Luft zu und drängelten sich in jedem Schatten, der zu finden war.

Mir kamen langsam Zweifel, ob die lange Hose eine gute Idee gewesen war. Unauffällig roch ich in Richtung meiner Achseln. Pfirsichduft stieg mir in die Nase. Alles noch gut. Das Deo erledigte brav seinen Dienst.

„Hallo Ella“, hielt mich ein Freund meines Vaters auf. „Bernd hat mir vorher erzählt, du möchtest gerne ein Praktikum bei mir machen?“

Warum ausgerechnet jetzt? Ich wollte unbedingt Kilian finden. Aber das Praktikum war mir wichtig. Und David König war ein wirklich guter Fotograf. Ich konnte mich glücklich schätzen, wenn ich bei ihm unterkommen würde.

„Hallo, ja das wäre wirklich super. Ich wollte dich auch noch persönlich fragen. Ich habe meine Kamera erst seit ungefähr einem Jahr. Aber ich schleppe sie ständig mit mir rum. Ich liebe das Fotografieren einfach. Ich könnte mir wirklich vorstellen, das mal beruflich zu machen. Aber von der Arbeit eines professionellen Fotografen habe ich natürlich keine Ahnung.“

„Na, dafür sind Praktika ja da“, erwiderte er, „dass man sich mal einen Eindruck verschafft, wie es in dem Beruf so abläuft. Müsst ihr das von der Schule aus machen?“

„Nein. Aber ich habe mir überlegt Fotografie zu studieren. Und da wäre ein Praktikum für die Bewerbung sicher nicht schlecht. Und ich muss auch eine Mappe zusammenstellen. Da kann ich ebenfalls jeden Tipp gebrauchen, den ich kriegen kann.“

„Wow, du bist sehr zielstrebig. Das finde ich gut.“

Ich freute mich über das Kompliment und lächelte etwas verschämt. „Ich könnte das Praktikum in den Herbstferien machen. Wäre das in Ordnung?“

„Ich glaube schon, aber ich habe meinen Terminplaner jetzt nicht dabei. Ruf mich doch nächste Woche mal im Studio an! Dann machen wir alles genau aus.“

„Wunderbar. Das ist wirklich toll. Vielen Dank! Ich freu´ mich total!“

„Sehr gerne. Dann wünsche ich dir noch einen schönen Abend, Ella.“

„Danke. Gleichfalls.“ Innerlich machte ich Freudensprünge, aber ich hatte keine Zeit dieses Gefühl richtig zu genießen, denn ich wollte endlich Kilian finden. Das lief alles überhaupt nicht nach Plan.

 Nachdem ich alle schattigen Plätze rund um das Haus abgesucht hatte, fand ich ihn am Steg unseres Schwimmteiches. Hier war es sonnig, aber Kilian streckte seine Füße ins Wasser und verschaffte sich so Abkühlung. Ich zog meine Schuhe aus und setzte mich neben ihn. „Hey. Ich hab´ dich gesucht.“ Ich ließ meine Füße auch in den Teich baumeln.

Er sah nicht mal auf.

„Scheint so, als wärst du dieses Jahr derjenige, der nicht in der richtigen Stimmung für dieses Fest ist.“

Endlich blickte er mich an. Er war schlecht gelaunt. Richtig schlecht gelaunt. Das war bei ihm deshalb so auffällig, weil er meistens fröhlich war, Scherze machte und immer einen lässigen Spruch auf Lager hatte. Eltern bezeichnen ihre Kinder oft als Sonnenschein. Bei Kilian traf das tatsächlich zu. Von klein auf hatte er ständig gute Laune und ein Lächeln auf den Lippen. Das brachte ihm viele Sympathien ein. Erzieher, Lehrer und Tanten lagen ihm zu Füßen. Und jetzt, wo er fast erwachsen war – was auch immer das bedeutete – flogen ihm die Herzen der Mädchen zu. Zumindest, wenn man Nicos und Sarahs Erzählungen glauben durfte. Und im Schwimmbad hatte ich selbst gesehen, wie sie ihn umschwärmten.

„Wow, das sieht nach dunklen Gewitterwolken aus“, versuchte ich die Stimmung etwas aufzuheitern.

„Im Himmel oder bei mir?“

„Na, bei dir! Was ist los, Mr. Sonnenschein? Wo ist deine gute Laune geblieben?“

Er zupfte einen Grashalm ab, der sich zwischen den Holzplanken ins Freie gekämpft hatte.

„Hat das etwas damit zu tun, was dein Papa vorher gesagt hat?“

Überrascht sah er mich an. „War das so offensichtlich?“

„Naja, du sahst nicht gerade glücklich aus, als er das mit den Berufsplänen und der Firma angesprochen hat. Was hat er damit gemeint, dass er dir die Firma zu Füßen legt?“

„Das war wieder mal einer seiner übertriebenen Sprüche. Keine Ahnung was er damit meint.“ Er fuhr sich aufgebracht durch die Haare, bis sie in alle Richtungen abstanden. Wie gerne hätte ich sie wieder in Ordnung gebracht. Oder, eigentlich würde ich sie viel lieber noch mehr in Unordnung bringen …

„Er will, dass ich den Betrieb irgendwann übernehme.“

„Aber du möchtest nicht?“

„Keine Ahnung. Ich bin 17. Ich weiß nicht, was ich für den Rest meines Lebens machen will. Auf jeden Fall kein Schreiner werden. Das ist nichts für mich. Vielleicht irgendwann mal den Betrieb managen. Das schon eher. Aber verdammt, ich hab´ keine Ahnung. Wenn mein Vater mich fragt, was ich stattdessen machen will, kann ich ihm keine Antwort geben. Und er versteht das einfach nicht. Er versteht nicht, warum ich dann nicht den Betrieb übernehme, wenn ich sowieso keinen Plan habe, was meine Berufung ist.“ Frustriert sah er mich an. „Bei dir ist die Sache geritzt. Du liebst das Fotografieren. Da ist alles klar. Meine Schwester spielt Geige und gibt ein Konzert nach dem anderen. Da ist auch alles in Butter. Aber ich habe so was nicht. Ich weiß nicht, was meine Talente sind. Bei mir ist gar nichts klar. Aber mein Vater macht mir jetzt schon Druck, obwohl ich noch mindestens ein Jahr Zeit habe. Das nervt mich total. Er fängt dauernd davon an. Sogar heute auf der Party.“ Verdrossen bearbeitete er wieder seine Haare.

Ich blickte auf meine Füße, die ich im Wasser hin und her bewegte und überlegte, was ich darauf sagen konnte. Ich hatte mir die Nägel in Regenbogenfarben lackiert. Jeder Nagel eine andere Farbe. Für ihn. Aber das war gerade nicht wichtig. Ihm ging es schlecht, und das gefiel mir nicht.

„Ich verstehe, dass dich das nervt. Aber vielleicht macht er sich einfach Sorgen“, war das erste, was mir in den Sinn kam.

„Ja, er macht sich Sorgen. Um seinen Betrieb, den er mit eigenen Hände aufgebaut hat. Das wird er nie müde zu betonen.“

„Das glaub ich nicht. Oder, vielleicht stimmt das zum Teil. Aber Eltern sorgen sich einfach dauernd. Und wenn sie daran denken, dass wir bald in der Welt alleine klarkommen müssen, dann drehen sie fast durch.“ Ich versuchte ihn mit einem Lächeln ein wenig aufzuheitern. „Immer wenn ich meine Eltern nicht verstehe, dann hilft mir ein Zitat, das ich von einer Freundin kenne. Sie wirft dauernd mit irgendwelchen Filmzitaten um sich. Man kann sich davor überhaupt nicht retten. Sie feuert sie raus wie ein Maschinengewehr“, ich machte die passende Bewegung dazu und tat so, als würde ich auf ihn schießen, „und man hat keine Chance zu entkommen.“

Jetzt hatte ich seine volle Aufmerksamkeit. Und er sah zumindest nicht mehr ganz so finster drein.

„Und, trifft sie damit ins Schwarze?“, fragte Kilian.

„Leider nicht immer. Aber dieses Zitat ist wirklich schön. Wenn du ein Mädchen wärst, würde ich sagen, es ist mega süß. Aber so beschränke ich mich darauf, dass es wirklich cool ist.“ Ich imitierte einen extrem lässigen Gesichtsausdruck. Seine Mundwinkel zuckten.

„Also, pass auf, hier kommt es“, läutete ich das Zitat ein. „Manche Leute sorgen sich zu viel. Ich denke, das nennt man Liebe“, rezitierte ich bedeutungsschwer.

Er schmunzelte. Es schien ihm zu gefallen. „Von wem ist das?“

„Winnie Pooh.“

„Winnie Pooh?“

„Ja.“ Wir sahen uns noch einen Augenblick lang an, und dann prusteten wir los. Wir erlitten einen richtigen Lachanfall und ließen uns nach hinten auf die Bretter des Stegs sinken.

„Na, wenn eine Zeichentrickfigur das sagt, dann muss es wohl stimmen“, meinte er, als wir uns einigermaßen beruhigt hatten.

 „Ja, das muss es. Schließlich ist es Winnie Pooh. Dieser Bär hat viele weise Sprüche parat.“

„Hat er das?“

„Ja, das hat er.“

„Zum Beispiel?“

„Da musst du meine Freundin Jennifer fragen.“

Die Sonne ging langsam unter. Kilian richtete sich auf und zog seine Füße aus dem Wasser. Es waren schöne Füße. Wunderbare Füße. Mit geraden Zehen und gepflegten Nägeln.

„Danke, Risi.“

„Wofür bedankst du dich?“

„Dafür, dass du mich aufgeheitert hast.“

„Nichts zu danken.“ Ich richtete mich auch auf und freute mich, dass es ihm besser ging. Wegen mir. Ich hatte das geschafft. Ich nahm meinen Mut zusammen. Jetzt oder nie.

 „So langsam wird es dunkel. Heute kann man bestimmt Sterne sehen. Hast du vielleicht Lust, dass wir später wieder aufs Dach klettern?“, wagte ich mich vor.

„Ich würde mir wirklich gerne mit dir den sternenvollen Himmel ansehen.“ Er grinste und mein Herz machte einen Salto. Er erinnerte sich noch genau an das letzte Jahr. Er hatte sich sogar meine bescheuerte Wortkreation gemerkt. „Aber ich treffe mich gleich noch mit ein paar Leuten. Ich wollte heute nur kurz hier vorbeischauen.“

Zack. Schon wieder eine unsanfte Landung. Sehr unsanft. Er war also noch verabredet.

„Ach so, kenne ich die Leute?“

„Ja, ich glaube schon. Dani geht ja in deine Klasse, oder? Ich treffe mich mit ihr und ein paar Freunden von ihr.“

Ich musste schwer schlucken. Daniela! Also doch. Aber er hatte nicht gesagt, dass sie zusammen waren. Und andere Leute waren auch dabei. Es war also kein Date.

 „Wollen wir noch beim Buffet vorbeischauen?“, wechselte er das Thema. Irgendetwas daran schien ihm unangenehm zu sein.

Mit voll beladenen Tellern stellten wir uns an einen der freien Stehtische. Mir hatte es eigentlich den Appetit verdorben. Ich hatte mir trotzdem fast blind Salate, Eier und Lachs aufgetan. Jetzt kaute ich an einem Basilikumblatt und hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Mein Plan war gescheitert. Er würde die Feier gleich verlassen. Ich konnte ihm unmöglich etwas von meinen Gefühlen sagen, wenn er sich später mit einem anderen Mädchen treffen würde. Das Risiko war zu groß. Der Flutlichtscheinwerfer war wieder auf einen kleinen Schimmer geschrumpft. Aber das letzte bisschen Hoffnung hielt sich hartnäckig. Es wollte noch nicht aufgeben. Es ist noch nicht vorbei! Noch ist er hier bei dir. 

„Ich liebe Caprese“, holte mich Kilian aus meinen Gedanken.

„Das Basilikum habe ich eigenhändig gekauft, abgepflückt und dazwischen gelegt.“

„Wow, ich wusste ja gar nicht, dass du weitere Kochversuche unternimmst. Bist du wirklich schon bereit dafür?“, grinste er mich verschmitzt an.

„Blödmann. Das kann man ja wohl kaum Kochen nennen. Außerdem: Ja, ich traue mich auch nach dem Risi-Bisi-Desaster wieder an den Herd.“ Ich lächelte zurück und sah ihm in seine wunderschönen Augen. Schokoladenbraun. Nichts anderes fiel mir dazu ein. Sein Blick und sein Lächeln gingen mir durch und durch. Ohne Umwege. Mitten ins Herz. Bitte frag mich, ob ich mitkommen will! In Gedanken flehte ich ihn an, jetzt nicht einfach zu gehen. Ich flehte ihn an, mir ein Zeichen zu geben, ob da bei ihm auch irgendetwas los war. Ob er dieses Kribbeln ebenfalls spürte. Lass mich jetzt nicht hier alleine stehen, mit all diesen Gefühlen in mir drin.

Merkte er denn überhaupt nicht, was mit mir los war? Für mich fühlte es sich so an, als wäre es nur zu offensichtlich. Als würden alle sehen, wie ich hier stand und ihn anhimmelte.

Sein Teller war leer gegessen. Ich hatte noch nicht einmal die Hälfte geschafft, legte aber auch mein Besteck ab und drapierte die Serviette unauffällig über die Essensreste.

Er sah auf seine Armbanduhr. „Langsam wird es Zeit. Ich muss noch meine Eltern suchen und mich verabschieden. Und deine auch.“

Bitte frag mich, ob ich mitkommen möchte! Bitte frag mich!

„Soll ich deinen Teller mitnehmen?“ Er lud ihn sich schon auf.

Nein, sollst du nicht. Du sollst mich mitnehmen.

Mit dem Geschirr und seinem leeren Getränk in der Hand blickte er mich an und löschte endgültig den letzten Schimmer aus. „Also dann sag´ ich schon mal Tschüss. Und danke nochmal. Du hast mich heute gerettet. Man sieht sich.“ Ein Lächeln noch, dann drehte er sich um und ging.


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