Mit Sicherheit eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten Italiens: die Cinque Terre. Und das ist kein Wunder, denn das Wort pittoresk scheint für diese fünf Dörfer an den Steilklippen von Ligurien erfunden worden zu sein. Leider sind sie kein Geheimtipp mehr. Im Sommer wird der charmante Küstenstreifen von Touristen fast schon überrannt. Wanderwegen dürfen dann teilweise nur in eine Richtung begangen werden und die Menschen schieben sich im Pulk durch die engen Gässchen. Dennoch sind die fünf Ortschaften die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören einen Besuch wert – einfach weil sie traumhaft schön sind. Vor allem, wenn du ein paar Dinge beachtest: Wie du den Touristenmassen bei den Cinque Terre entgehst und mit deinen Kindern eine schöne Zeit dort verbringst, verrate ich dir in diesem Blogbeitrag.

Was sind die Cinque Terre überhaupt?
Und warum wollen da alle hin? Zuerst einmal: Frei übersetzt heißt das die 5 Dörfer (eigentlich 5 Länder) und das beschreibt die Gegebenheiten schon mal ganz gut. Diese Dörfer befinden sich an einem 12 Kilometer langen Küstenstreifen mit Felsen, die steil zum Meer hin abfallen. Die Landschaft rundherum wurde zum geschützten Nationalpark erklärt und gehört mit den Ortschaften zum UNESCO-Weltkulturerbe. Der Grund dafür ist zum einen die besondere Kulturlandschaft: Mit Trockenmauern bauten die Bewohner über 200 Jahre lang Terrassen in die steile Küste, um Wein, Oliven und Zitronen anzubauen. Dadurch machten sie sich die eigentlich rauen Bedingungen behutsam zunutze – eine Symbiose aus Mensch und Natur. Dazu kommt, dass die Dörfer bis heute mittelalterlich erhalten sind. Ihre bunten Häuser wirken wie an den Fels geklebt. In der Gesamtkomposition ist das einzigartig. Es gibt wahrscheinlich keinen Ort auf dieser Welt der den Begriff pittoresk – also malerisch – mehr verdient hat als diese fünf Ortschaften. Passenderweise stammt das Wort aus dem Italienischen.
Nur eines der Dörfer hat einen sehr kleinen Strand, weshalb kein Badetourismus stattfindet. Vor allem Wanderer und Tagestouristen frequentieren die Sehenswürdigkeit. Und das sind eine ganze Menge. So viele, dass die Gemeinden reagiert haben: mit Einbahnverkehr auf Wanderwegen in der Hochsaison, Gebühren für die Wege und teure Zugfahrkarten für Nicht-Einheimische im Sommer und an den Wochenenden. Denn am besten kommt man mit dem Zug zu den Dörfern. Das Auto kannst du hier getrost vergessen. Die Anfahrt ist steil, die Straßen sind schmal und kurvenreich. Dazu kommt, dass die Zentren der Orte ohnehin autofrei sind und es kaum Parkplätze gibt. Und die liegen oft weit oberhalb und sind teuer. Der Zug ist die einzige sinnvolle Option oder eine Bootstour, von Levanto, Portovenere oder La Spezia aus.

Cinque Terre: Mit dem Zug nach Monterosso
Deshalb haben wir schon gestern unsere Zugtickets gebucht. Gemeinsam mit dem Zugang zu den Wanderwegen. Dafür gibt es die Cinque Terre Treno MS Card. Mit ihr kannst du unbegrenzt zwischen La Spezia und Levanto hin- und herfahren. Die Dörfer liegen genau dazwischen. Außerdem sind die blauen Wanderwege, Toiletten und W-Lan inkludiert. Alle näheren Infos dazu findes du hier. Uns ist klar, dass wir uns die Cinque Terre mit vielen anderen Touristen teilen werden, also planen wir unseren Besuch antizyklisch. Wir stehen um 5:30 Uhr auf (ja, das ist hart in den Ferien) und laufen 15 Minuten von unserer Ferienwohnung aus durch La Spezia zum Bahnhof. Es herrscht eine besondere Atmosphäre. Die meisten Bewohner schlafen oder sind noch in ihren Wohnungen. Nur vereinzelt ist jemand unterwegs. Alles ist ruhig und entspannt. Nur an der Bahnstation ist schon einiges los. Der Zug, den wir besteigen, ist gut gefüllt – nicht mit Touristen, sondern vor allem mit Leuten, die zur Arbeit fahren. Das ist recht einfach an der Sprache, der Klamottenauswahl und dem Fehlen der Rucksäcke zu erkennen. Wir brauchen etwa 20 Minuten nach Monterosso – dem nördlichsten Ort der Gruppe. Um 7:30 Uhr kommen wir am Bahnhof an, der direkt am Meer liegt. Hier ist noch niemand auf Touristen eingestellt – die Toiletten sind zu meinem Pech geschlossen.
Wir laufen die Treppen hinunter auf eine Plattform, die zum Meer hin ausgerichtet ist und stellen uns an die Brüstung, um den Ausblick zu genießen. Sieht man nach rechts, kann man in der Ferne, ganz am Ende des Strandes, den Il Gigante entdecken – eine 14 Meter hohe Statue, die Neptun darstellt. Er gehörte ursprünglich zu einer Villa, die Anfang des Jahrhunderts gebaut wurde, später von Bomben getroffen und dann in den 60er-Jahren abgerissen wurde. Auch Neptun hat mit der Zeit ziemlich gelitten: Mittlerweile fehlen ihm beide Arme, ein Bein, sein Dreizack und die Muschelschale, die er anfangs getragen hat. Es gibt dort nun eine andere Villa, La Casa del Gigante Luxury Collection, in der man übernachten kann. Allerdings sind die Preise genauso gesalzen wie der Ozean vor der Tür. Aber die Aussicht von dort ist definitiv gigantisch.


Wanderung mit Kindern: Von Monterosso nach Vernazza
Wir lassen die Statue rechts liegen und schlagen den Weg in die Gegenrichtung ein, vorbei an einem Felsen, der den Strand teilt und immer weiter an der Wasserkante entlang. Wir nähern uns den Bergen und entdecken hier auch die ersten Hinweisschilder zum blauen Weg, der uns ins nächste Dorf Vernazza bringen soll. Die Wanderung ist mittelschwer, erfordert Kondition und es gibt keinen durchgehenden Geländerschutz. Sie ist 3,3 Kilometer lang und dauert etwa 2 Stunden. Ich würde sie für Kinder ab 7 Jahren empfehlen, die fit und trittsicher sind und uneingeschränkt für Kids ab 10. Allerdings nur im Frühling oder Herbst beziehungsweise früh am Morgen – denn die Sonne knallt ziemlich auf den Weg herunter. Außerdem solltest du beachten, dass die Strecke im Sommer teilweise nur einseitig begehbar ist.

Wir passieren das Kontrollhäuschen, das aber noch unbesetzt ist (hier wird normalerweise abkassiert), und starten dann den recht steilen Aufstieg von Monterosso aus. Ich schaue nach oben: Stufen, wohin das Auge reicht. Ziemlich genau 500 Stück führen den ersten Anstieg hinauf. Ich will es nicht beschönigen: Es ist zäh. Und wir müssen unsere Tochter motivieren, nicht gleich aufzugeben. Aber dann endlich haben wir alle Stufen erklommen und die Freude über den moderaten Weg, der sich nun vor uns auftut, ist groß. Das Anstrengendste haben wir schon mal geschafft. Ein echter Motivationsschub.
Noch laufen wir im Schatten und genießen die Kühle des beginnenden Tages. Es sind nur wenige Wanderer unterwegs und wir sind begeistert von der Natur um uns herum. Immer wieder halten wir an, um die spektakulären Aussichten auf das Meer und die Berge auszukosten. Der Weg ist wirklich außergewöhnlich schön und teilweise sehr schmal, was es noch interessanter für uns macht. Kommt uns jemand entgegen, heißt es deshalb meistens kurz warten, um den anderen passieren zu lassen.

Etwa auf der Hälfte der Strecke steht ein Kiosk, der ebenfalls noch geschlossen hat. Außerdem gibt es eine Katzenfutterstelle. Wanderer können sich aus einer Box Futter nehmen und es den Tieren geben. Allerdings sind alle Schüsseln schon voll, als wir ankommen, und keine einzige Katze in Sicht.
An der nächsten Biegung ist es dann so weit: Wir können einen ersten Blick auf Vernazza werfen. Auch Monterosso hat seinen Reiz, aber Vernazza ist einfach das perfekte Postkartenmotiv – fast zu unwirklich, um real zu sein. Der Weg führt nun auch langsam bergab und wir bekommen immer mehr Gegenverkehr. Es erstaunt uns, wie schnell es sich füllt. Ich bin sehr froh, dass wir heute so früh aufgestanden sind.

Vernazza: Kleinod oder Touristenfalle?
Eine letzte Aussicht auf Vernazza und dann sind wir auch schon angekommen und gehen ganz lässig an der Schlange am Kassenhäuschen vorbei – mit einem siegessicheren Lächeln auf den Lippen. Ein bisschen Schadenfreude darf ab und zu sein, oder? Vor allem, wenn man dafür um 5.30 Uhr aufgestanden ist – im Urlaub. Wir tauchen in die Altstadt ein und bewundern die kleinen Gässchen mit den farbigen Häusern in Gelb-, Terrakottaund Orangetönen. Viele der grünen Fensterläden sind geschlossen, um die Hitze auszusperren. Der Hauptplatz unten am Meer wird überspannt von bunten Sonnenschirmen, die zu Cafés und Restaurants gehören. Wir haben die Ruhe des Wanderwegs gegen trubeliges Dorfleben getauscht. Die Menschen, die uns umringen, sind vornehmlich Touristen wie wir. Obwohl es erst halb 10 ist, bewegen sich ganze Massen davon durch den Ort. Und das Anfang
September. Etwa 4 Millionen Besucher kommen jährlich hierher, in eine Region, in der weniger als 4000 Menschen leben.
Wir ergattern einen Tisch in einem der Cafés, um uns ein kleines Frühstück zu gönnen. Die Kellnerinnen sind nicht besonders freundlich. Alles wirkt hektisch und unentspannt. Die Preise sind hoch – was zu erwarten war. Etwas desillusioniert gehen wir danach hinunter zum winzigen Strand und zum anliegenden Fischerhafen. Hier drängen sich die Massen, um Fotos zu schießen. Wir entschließen uns, den Weg zum Bahnhof anzutreten, um der Meute zu entkommen, und damit gegen die Besteigung des Turms vom Castello di Vernazza. Die Aussicht von dort oben soll traumhaft sein, aber bei unserer Wanderung haben wir so viele Ausblicke genossen, dass uns das für heute erst einmal reicht.
Wir steigen also in den Zug zurück nach La Spezia, ohne in einem der anderen Dörfer Halt zu machen. 2 von 5 sind ausreichend für uns. Was wir bei unseren Reisen nie anpeilen, ist der Anspruch auf Vollständigkeit. Für uns macht es viel mehr Sinn, auf den Bauch zu hören und nach unseren Bedürfnissen zu handeln. Aber mit Sicherheit sind auch Riomaggiore, Manarola und Corniglia einen Besuch wert. Wir haben jedoch noch einen anderen Ort im Sinn, den wir heute besuchen wollen – zwar kein Geheimtipp, aber im Gegensatz zu den Cinque Terre viel entspannter und mit seinen ganz eigenen Reizen.

Porto Venere: Deutlich entspannter als die Cinque Terre
Wieder zurück in der Ferienwohnung kochen wir und ruhen uns aus. Erst spät können wir uns aufraffen, unser gemütliches Zuhause auf Zeit erneut zu verlassen, um Porto Venere zu erkunden. Die Gemeinde gehört wie die Cinque Terre zum UNESCO-Weltkulturerbe und liegt auf einer Landzunge, die ins Meer hinausragt.
Wir starten in La Spezia, fahren in den Sonnenuntergang und kommen etwa 20 Minuten später im Küstenort Porto Venere an. Die Parkgarage und sämtliche Parkplätze rund um die Innenstadt sind voll. Kein Wunder – es ist 20 Uhr und alle sind beim Abendessen. Nachdem wir mehrere Runden gedreht haben, finden wir endlich einen Platz und schlendern am Meer entlang Richtung Altstadt. Die bunt bemalten Fischerhäuser, auf die wir vom Hafen aus einen wundervollen Blick haben, sind mit Lichterketten geschmückt. Ein ungewöhnlicher Anblick im Sommer – aber nicht minder schön. Alleine deshalb lohnt es sich, abends hierherzukommen. Die funkelnden Lichter verbreiten eine romantische Stimmung. Es gibt viele gemütliche Restaurants – vor allem in der Via Giovanni Capellini.
Sollten wir irgendwann noch einmal herkommen, dann definitiv zum Essen oder auf einen Aperitivo. So
gönnen wir uns aber zumindest ein Eis – das exorbitant teuer ist. Zu spät sehen wir, dass der Preis pro Kugel sinkt, je mehr man davon kauft. Das Phänomen ist uns schon einmal in dieser Gegend aufgefallen, es lohnt sich, darauf zu achten.

Nachtwanderung zur Kirche San Pietro
Wir schlendern weiter und erreichen das Ende der Landzunge, auf der die Kirche San Pietro aufragt. Ein auffälliges Streifenmuster ziert die Fassade. Der älteste Teil des Gotteshauses geht auf das 5. Jahrhundert zurück. Das Bauwerk thront auf einem Felsen und wir gehen den Weg mit den extrem breiten Treppenstufen hinauf. Er ist von orangefarbenen Straßenlaternen beleuchtet. Auch die Kirche ist angestrahlt. Sie hat längst geschlossen, aber uns interessiert vor allem die Loggia, die man über eine Treppe erreicht. Hier gibt es keine Beleuchtung mehr, zum Glück hilft uns der Vollmond, etwas zu erkennen – und die Taschenlampe des Handys.
Oben angekommen tut sich durch die offenen Bogenfenster ein traumhafter Blick auf das Meer und die Küste auf. Die Bögen der Loggia sind anscheinend unfassbare 800 Jahre alt. Das lässt uns kurz andächtig verweilen. Wir hören den Wellen zu, die an die Felsen klatschen und fühlen diese lebendig gewordene Geschichte um uns herum, die wir anfassen dürfen. Ein echtes Erlebnis.


Tipp: Mit Kindern in Porto Venere
Porto Venere ist auch gut besucht, aber nicht ganz so überfüllt wie die Cinque Terre. Und es hat seinen ganz eigenen Charme, besonders abends. Du kannst hier eine spannende Nacht-Exkursion mit deinen Kids zur Kirche San Pietro machen. Steckt euch vorher Taschenlampen ein, damit sie sich selbst den Weg zur Loggia leuchten können. So lässt sich kostengünstig ein kleines Abenteuer erleben.
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